Ein Gespräch mit Oliver Mommsen und Katharina Schlothauer über  “Minna von Barnhelm“

Ein Gespräch mit Oliver Mommsen und Katharina Schlothauer über  Minna von Barnhelm

Minna belügt Tellheim, um auf der Stufe des armen Tellheim zu stehen, der aus Stolz keine reiche Frau heiraten kann. Ist in der Liebe alles erlaubt?

Fr.SCHLOTHAUER: Erlaubt ist, was gefällt. Sie belügt ihn ja nur, um ihn zu spiegeln. Damit er seinen Tunnelblick verliert und merkt, was er da tut. Sie versucht ihn ja eher, zu sich selbst zu führen. Ist das ihre Aufgabe? Vielleicht nicht. Sie will ihn ja nicht verändern, sondern ihm nur sein Verhalten vor Augen führen. Weil sie ihn liebt und ihn zurückgewinnen will. Wenn man liebt, macht man manchmal sehr merkwürdige Sachen. Im Idealfall sollte man sich gegenseitig lassen und sich dort treffen. In der Realität sieht das eben auch mal ganz anders aus, weil Gefühle involviert sind, Leidenschaft und da fliegen schon mal Tassen.

Hr.MOMMSEN: Die Liebe darf erst mal alles. Sie ist eine der Urgewalten, die in uns tobt. In Tellheims Fall, der in einer für ihn ausweglosen Situation steckt, ist Minnas liebe aber erstmal wahnsinnig quälend. Er kann nicht aus seiner Haut. wie Minna diesen Dickschädel aufbricht, gehört zu dem Schönsten, was ich seit langem gelesen habe.

Das Stück hat durch die Sprache der damaligen Zeit einen anderen Tonklang. War es schwerer für Sie, sich darauf einzustellen?

Fr.SCHLOTHAUER: Ja, die lessingsche Sprache ist natürlich erst mal eine Herausforderung; sie so zu sprechen, als wenn es das Normalste der Welt wäre, aber eine Schöne. Worte wie Tugend, Edelmut, Ehre haben ja kaum mehr oder im besten Falle eine verzerrte Bedeutung. Wenn man sich mit der eigentlichen Bedeutung dieser Worte beschäftigt, dann gehen Welten auf. Und wenn man sich erst mal darin zurechtfindet, kriegt man wahnsinnige Lust. Und trotzdem muss man sich diese fremde Sprache erst mal irgendwie ins Hirn prügeln. Da platzt einem schon manchmal der Kopf.

Hr.MOMMSEN: Ja. Anfangs. aber Lessing schreibt so “sprechbar“, dass wir mittlerweile alle süchtig danach sind. Mittlerweile macht es wirklich großen Spaß, in dieser Sprache auszudrücken, was die Figur fühlt.

Damals hat man viel über die leidenschaftliche Liebe und Tugenden geschrieben. Wenn wir diese Werke heute lesen, müssen wir lächeln. Hat sich Ihrer Meinung nach unsere heutige Sichtweise grundlegend verändert?

Fr.SCHLOTHAUER: Nein, überhaupt nicht. Ich finde was Minna und Tellheim verhandeln, ist immer noch sehr aktuell. Er kann sie nicht lieben, wenn sie erfolgreicher ist, kann sich nicht als gleichwertiges Gegenüber wahrnehmen, und sie glaubt an den guten Kern in ihm und kämpft dafür. Nur sind wir heute vielleicht abgeklärter, reden weniger offen über unsere Gefühle, machen uns nicht mehr so verletzlich. Ich finde, wir können uns da eine Scheibe von Minna abschneiden und ruhig ab und zu ordentlich pathetisch sein, ein Plädoyer dafür!

Hr.MOMMSEN: Klar kommen einem diese Texte erst mal sperrig vor. Aber ich kann nur aus Erfahrung sagen, dass es enorm spannend ist, sich damit auseinander zusetzten. Lessing hat da schon sehr modern und klug gedacht.

Viel Erfolg für die Premiere.

Fr.SCHLOTHAUER/Hr.MOMMSEN: Vielen Dank!

© Tahsin Ocak / ARTandCRITIC.com, 18.01.2017

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