Der Hollywoodtürke

Der Hollywoodtürke  

 Ein Artikel von Tahsin Ocak

Wir Menschen aus der Türkei, dem wunderbarsten Land Europas, können den Satz “Ich bin ein Türke!“ nicht sagen, ohne einen faden Beigeschmack im Mund zu haben. Aber weshalb ist das so? Ist es schlimm ein Türke zu sein? Seit meinem 10.Lebensjahr drehe ich Filme, schreibe Bücher, habe drei Ausbildungen absolviert und verteile Essen an die Obdachlosen! Also habe ich keinen Grund mich schlecht zu fühlen. Aber wieso ist mein Glas gefühlt halbleer? Die Antwort ist einfach: Die Gesellschaft hat uns suggeriert, dass hinter bestimmten Begriffen bestimme Gefühle hervorrufen werden und das sind meistens negative.

In den 80er Jahren gab es viele Straßenkämpfe zwischen türkischen und deutschen Gangs. Eine kleine Anzahl der türkischen Jungen kamen nicht in die Disco, was dazu führte, dass diese Sachlage dann eskalierte. Diese kleine türkischstämmige Gruppe nahm man leider als Vertreter unseres Volkes wahr. Daher sagte man nicht “Die paar Türken“ sondern “Die Türken“. Die Birnen bekommen mehr Objektivität als wir, denn wenn eine Birne in der Birnenkiste faul ist, wird nur diese faule Birne deklariert und nicht die ganze Birnenkiste! Die neue deutsche Generation, die mit den Nationalsozialisten nichts zu tun hat und teilweise sogar über keine Kenntnisse dieser dunkle Epoche der Deutschen Geschichte besitzen, werden als “Die Nazis“ beschimpft. Einige deutsche Touristen, die im Ausland Urlaub machen, verschweigen ihre Herkunft, weil sie evtl. nicht immer willkommen sein könnten. Zeitweise werden sie sogar als “Nazis“ angegriffen. Seine Identität, seine Herkunft zu verstecken, darf keine Lösung sein.

Die prominente Sinti-Sängerin Dotschy Reinhardt, Verwandte von Django Reinhardt, erzählte vor Jahren dem „Tagesspiegel“ Zitat: „Meinen ersten Job im Plattenladen habe ich nur bekommen, weil ich mich als Italienerin ausgegeben habe„. Egal wie toll sie singt, für einige bleibt sie “Die Zigeunerin“. Die deutsch-iranische Schauspielerin Jasmin Tabatabai erzählte, dass sie oft zweitklassig behandelt wurde, wenn sie ihren Namen am Telefon erwähnte.

Die Süß-Sauer-Soße hat beide gegensätzliche Geschmacksrichtungen. Im übertragenen Sinne ist ein Volk und die Religion auch nicht viel anders. Es gibt sowohl gute als auch schlechte Vertreter.

Einige fanatische Verfechter haben das heilige Buch “gelesen“ und waren der Meinung, dass sie es verstanden haben. So entstand z.B. der “Dschihad“, Kämpfer im Namen Allahs. Schön und gut, aber was hat das mit unserer islamischen Religion zu tun? Gar nichts. Die Kreuzritter haben das heilige Buch auch “gelesen“ und sind mit den Glaubensbrüdern ausgezogen und haben Völker abgeschlachtet im Namen Gottes. Der Mensch ist nicht einmal imstande, die Aufbauanleitung von Ikeas Billy-Bücherregal zu verstehen. Wie soll er die heiligen Bücher verstehen?

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Schwerwiegende Themen als Komödie

Einige von uns stellen infrage, ob man solche schwerwiegenden Themen als Komödie bearbeiten darf, als ob man es auf die leichte Schulter nehmen würde. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Murat Ünal hat diese Themen behutsam und respektvoll behandelt. Den Zuschauer zum Weinen zu bringen, ist leicht, aber zum Lachen zu bringen, das ist erheblich schwieriger. Murat entschied sich für die schwierige Version, die Komödie! Auf den ersten Blick kann dieser Film wie Klamauk aussehen, aber das täuscht, denn er ist mehr als das.

Murat hat die nicht schönen Themen in eine Verpackung gesteckt, die für die Zuschauer erträglich anzusehen ist. Anders formuliert: eine bittere Medizin muss man in etwas Süßes stecken, damit man sie schlucken kann. Hauptsächlich bekommen so die Tiere und Kleinkinder ihre Medizin. Murats Werk mag äußerlich eine Komödie sein (vergleiche dazu Charlie Chaplins “Der große Diktator“), aber innerlich ist es ein sozial- ethnologisch-politischer Film. Beim Zuschauen erreicht er Lachen und erst auf dem Nachhauseweg werden sie die Tiefe und die Botschaft erkennen.

Ich war bei der Premiere am 06.06.2019 dabei und war wie die anderen anwesenden Zuschauer begeistert.

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Worum geht es im Film?

Der in Berlin lebende Alper (toll gespielt von Murat Ünal) ist ein erfolgloser türkischer Schauspieler und träumt von Hollywood und verliebt sich in eine Frau, die mit Türken nichts zu tun haben will. Alper, der das Herz der Frau erobern will, verschweigt seine Herkunft und gibt sich als Italiener aus. Diese Notlüge hat aber fatale Folgen…

Der Film ist günstig produziert aber er ist kein “Billigfilm“. Das Drehbuch ist sehr gut geschrieben. Die Darsteller haben toll gespielt. Man spürte das Herzblut der einzelnen Teilnehmer in diesem Film. Dieser Film ist absolut sehenswert.

Prädikat WERTVOLL.

© Tahsin Ocak / ARTandCRITIC.com

2 Gedanken zu “Der Hollywoodtürke

  1. Dilek Rhlid sagt:

    Eine wunderbare Beschreibung und Erklärung zum Film.
    Mehr von den Artikeln und Filmen…vielen Dank.

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